Im Rahmen des Projektes "Unvergessen: Dresdner Persönlichkeiten und wo sie begraben liegen" interviewte der Journalist Henry Berndt die Grabpatin der Grabstelle, Heike Richter, der der
Erhalt der wertvollen Henze-Skulptur auf dem Grab zu verdanken ist sowie die Pflege der Grabanlage.
Im Video-Interview erzählt Sie wie sie sich in die Skulptur verliebte, wie es dazu kam, dass sie sich für den Erhalt der Grabanlage aus eigener Tasche entschied und sie auf diesem Weg auch
einiges über den darin Ruhenden erfuhr.
Unter dem Video finden Sie einen Auszug aus einem Text, der aus dem Gespräch in Ergänzung mit eigenen Recherchen entstand und in seiner vollständigen Version, gemeinsam mit weiteren Texten im
Rahmen dieses Projektes, in eine spätere Publikation einfließen wird.
Aus den Gesprächen mit Heike Richter, Grabpatin des Grabes, Wolfgang Hultsch, Nachfahr der Familie, sowie Recherchen im Stadtarchiv ging auch ein biografischer Text hervor. Hier finden Sie eine Kurzversion dieses Textes, der gemeinsam mit anderen im Rahmen dieses Projektes erarbeiteten Texten, in seiner vollständigen Version in eine spätere Buch-Publikation einfließen soll.
Robert Bernhardt - Der unbekannte Dresdner Modezar des 19. Jahrhunderts
Eine Figur, wie steingewordene Emotion.
“Ich habe immer das Gefühl, sie könnte jeden Augenblick ihren Mantel hinterwerfen, vom Sockel steigen und loslaufen”, sagt Grabpatin Heike Richter.
“Die Trauernde”, ein Grabmal aus Sandstein, hat sie schon in ihren Bann gezogen, als sie vor mehr als 15 Jahren zum ersten Mal auf dem Alten Annenfriedhof in Dresden spazieren ging. Damals wusste
sie noch nichts über dieses Grab, und doch konnte sie sich nicht an seinem Anblick sattsehen.
Modisch hätte das Vorbild für die Figur möglicherweise einst das Interesse des Mannes wecken können, dessen Grab die Trauernde bis heute ziert: Robert Bernhardt war so etwas wie der unbekannte
Dresdner Modezar des 19. Jahrhunderts. Obwohl es kein Bild von ihm gibt und nur wenig über seine Person bekannt ist, hat Bernhardt mit seinem Modehaus Spuren in der Dresdner Geschichte
hinterlassen. 1865 eröffnet er ein Modewarenhaus am Freiberger Platz in der Dresdner Innenstadt. Die Geschäfte laufen offenbar auf Anhieb gut und bald reicht der Platz nicht mehr aus. 1909 wird
in unmittelbarer Nähe des Postplatzes ein Modehaus der Superlative eröffnet, damals das modernste der ganzen Stadt.
Interessant ist, dass der Kaufmann Robert Bernhardt selbst an diesen Entwicklungen gar nicht mehr beteiligt ist. Noch bevor die erfolgreichste Zeit des Unternehmens anbricht, verstirbt der
Gründer, wie umfangreiche Recherchen des Dresdner Stadtarchivs bestätigen. Geboren wurde er 1840 offenbar in Tharandt. 1870 heiratete er in Zwickau seine Frau Elise Bertha (1849 - 1897), die die
Geschäfte nach seinem Tod weiterführt.
Seinem zwischenzeitlich stark verfallenen Grabmal auf dem Alten Annefriedhof nahm sich Heike Richter als Grabpatin an und ließ es liebevoll sanieren. Das hätte sicher auch Robert Henze gefreut,
den Dresdner Bildhauer, der die “Trauernde” einst entwarf. Henze (1827 bis 1906) war Professor an der Kunstakademie. Bekannt geworden ist er unter anderem als Schöpfer der vergoldeten Fama-Figur
auf der Glaskuppel eben jener Akademie. Er entwarf jedoch auch zahlreiche andere Werke im öffentlichen Raum, darunter die Plastik auf dem Müllerbrunnen in Dresden-Plauen, die erst nach dem
Zweiten Weltkrieg an ihren Platz zurückkehrte. Seine letzte Ruhe hat Henze nur wenige Meter von Robert Bernhardt entfernt auf dem Alten Annenfriedhof gefunden.
Wenn die Grabpatin Heike Richter heute auf dem Alten Annenfriedhof “ihr” Grabmal besucht, dann weiß sie, dass es die jahrelange Mühe und das Geld wert waren. “Ich beobachte die Figur immer noch
mit derselben Faszination wie am ersten Tag”, sagt sie. “Ich kann nicht verstehen, wie man aus Stein so etwas schaffen kann.”
